
Die Nacht der Kalligraphen
Roman. Aus dem Französischen von Andrea Spingler
Meridiane 86
2007. 160 Seiten. Leinen
EUR (D) 17.90 /
CHF 31.40 (UVP) /
EUR (A) 18.40
ISBN 9783250600862
»Nicht einen Augenblick habe ich Angst vor dem Tod gehabt, er ist nur zu denjenigen grausam, die ihn fürchten. Mein Tod war so sanft wie die Spitze der Rohrfeder, wenn sie ins Tintenfass taucht, und rascher, als das Papier die Tinte aufsaugt. Ich habe darauf geachtet, dass ich keine Unordnung zurücklasse, habe mein Leben und meine Kalligraphieutensilien aufgeräumt.« Und Rikkat erzählt die Geschichte ihres Lebens.
Eines Lebens als Kalligraphin, als einzige Frau unter den altehrwürdigen, dienstbaren Protokollanten des Gottesworts. Eines Lebens in Zeiten des Umbruchs, während Atatürk die Türkei modernisiert und mit dem Islam bricht, die arabische Schrift abschafft und die traditionelle Kalligraphie ihrer Glorie beraubt. Eines Lebens, gekennzeichnet von Trennungen und von Verlusten, manche ersehnt und viele schmerzhaft. Wenn Männer gehen, der Sohn sie verlässt, findet Rikkat Trost und Kraft im Schreiben, im sorgsamen Umgang mit Feder und Tinte, im sanften Streichen der Fingerspitze über endlose Arabesken auf feinstem Papier.
Yasmine Ghata zeichnet das Bild einer beeindruckenden Frau in einer unruhigen Zeit, im Niemandsland zwischen Tradition und Erneuerung, zwischen Mystizismus und Realität.
»Yasmine Ghata gelingt es mit ihrer kalligraphiefeinen Erzählkunst großartig, die Skizze eines langen Lebens auf 150 Seiten zu entfalten. Auch wenn der Roman von nichts als seiner Hauptperson zu erzählen scheint, so ist dieses Buch auf unauffällige Weise doch auch hochpolitisch. Seite für Seite entwickelt sich still im Hintergrund der Lebensgeschichte die Geschichte der Türkei im 20. Jahrhundert, die Geschichte einer bitteren und wechselvollen Modernisierung. So entsteht ein zivilisatorisches Panorama, das nichts zu tun hat mit der Perspektive kultureller Begutachtung, die der Europäer dem Rest der Welt im Allgemeinen und der Türkei im Besonderen zuteilwerden lässt. Die Geschichte von Rikkat Kunt, die in der islamischen Welt in einem religiösen, den Männern vorbehaltenen Beruf ihr heikles Glück findet, gibt den Lesern, den Reichtum einer Welt zurück, die man ihm seit geraumer Zeit verbieten will.« Walter von Rossum, WDR 3, 3. Juni 2007
