Das Archiv

Zum Ammann Verlagsarchiv im Schweizerischen Literaturarchiv

 

Judith Schütz

Das Ammann Verlagsarchiv

im Schweizerischen Literaturarchiv

in: »Passim. Bulletin des Archives littéraires suisses, Bulletin des Schweizerischen Literaturarchivs, Bulletin da l’Archiv svizzer da litteratura, Bollettino dell’Archivio svizzero di letteratura, Bern«, Nr. 13 (2013)

 

Einer der bedeutendsten Schweizer Literaturverlage der letzten Jahrzehnte, der Ammann Verlag mit Sitz in Zürich, hat 2010 seine Tore geschlossen. Gegründet worden war er 1981 von Egon Ammann und seiner Frau Marie-Luise Flammersfeld. In den rund dreißig Jahren seines Bestehens erarbeitete sich der Verlag einen hervorragenden Ruf durch sein Programm, in dem immer wieder unbekannte Talente verlegt und Werke aus allen Teilen der Welt in hochwertigen Übersetzungen dem deutschsprachigen Publikum zugänglich gemacht wurden.

 

Die Geschäftsunterlagen des Ammann Verlags befinden sich heute im SLA, wo sie seit Anfang 2013 von zwei ProjektmitarbeiterInnen erschlossen werden, finanziert durch die vom SLA-Förderverein eingeworbenen Drittmittel der Ernst Göhner Stiftung. Bisher konnte bereits die gesamte Autorenkorrespondenz detailliert nach Dossiers verzeichnet und umgelagert werden. Die Briefe und Gegenbriefe besitzen einen Umfang von 29 Umzugskisten bzw. 135 Archivschachteln und haben rund 3260 Einträge in die Datenbank generiert. Sehr umfangreich präsentieren sich auch andere Teile des Bestands: so die Manuskripte, die gesammelten Rezensionen, die Herstellungsakten und die Buchhaltung. Daneben enthält das Verlagsarchiv Korrespondenzen zu Rechten und Lizenzen, Verträge, Fotografien, Film- und Tondokumente, die gesamte Buchproduktion und viele Lizenzausgaben. Einen Kryptonachlass bilden außerdem die Akten des Kandelaber Verlags, des in den 1970er Jahren eingegangenen Vorgängerprojekts von Egon Ammann.

 

Über die jeweilige Genauigkeit der Erschließung der verschiedenen Unterlagen entscheiden inhaltliche Kriterien. Schwerpunkte werden dort gesetzt, wo das größte Potenzial für die Forschung erwartet wird. So geben etwa die oft sehr ausführlichen Briefe Aufschluss über viele Geschäftsprozesse, das Netzwerk sowie das Programm und die Leitlinien des Verlags. Zudem gewähren sie Einblicke in die Bibliogenese – also in kreative, administrative und logistische Voraussetzungen der Literaturproduktion – und in biographische und werkgeschichtliche Hintergründe sowie in die Arbeitsweise einer Vielzahl von AutorInnen. Darüber hinaus bieten einige auch ästhetisch reizvolle Trouvaillen ergänzende Einsichten. Besonders aufschlussreich dürften neben den Korrespondenzen die überlieferten Manuskripte mit Bearbeitungsspuren verschiedener Involvierter sein. Gerade in Kombination mit den Unterlagen zur technischen Herstellung ermöglichen sie einen genauen Blick auf die Vorgänge und Bedingungen der Produktion von Literatur.

 

Weitere Forschungsmöglichkeiten liegen beispielsweise in literatursoziologischen Fragestellungen oder in der Problematisierung des Zusammenhangs von Marketingstrategien und Werkrezeption, Kanonbildung und schließlich der Konstituierung von Literaturgeschichte. Konkret auf den Ammann Verlag bezogen ließe sich die Arbeitsteilung des Inhaberehepaars und deren Auswirkungen auf die programmatische Ausrichtung und Entwicklung des Verlags untersuchen.

 

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